Wo befindet sich der trockenste Ort der Erde?

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Der trockenste Ort der Erde ist keineswegs eine heiße Sandwüste, wie viele glauben. Fragt man zufällig jemanden, nennen viele die Sahara oder die Atacama-Wüste in Chile. Tatsächlich sind diese Regionen extrem trocken: Niederschläge sind dort selten, und die Landschaft erinnert an außerirdische Welten.

Der wahre Rekordhalter in Sachen Trockenheit befindet sich jedoch ganz woanders – auf dem kalten südlichen Kontinent Antarktika. Schauen wir uns an, warum gerade dort die größte „Trockenheit“ herrscht und was diese extremen Orte unseres Planeten so erstaunlich macht.

 

Was gilt als Wüste – und warum Trockenheit nicht immer Hitze bedeutet

Zunächst ist wichtig zu verstehen: Eine Wüste bedeutet nicht zwangsläufig brennende Sonne und Sanddünen. Das Hauptmerkmal einer Wüste ist die geringe Niederschlagsmenge. Nach gängiger Definition gilt ein Gebiet als Wüste, wenn dort weniger als ~250 mm Niederschlag pro Jahr fallen (also weniger als ein Viertelmeter bzw. etwa 10 Zoll Regen oder Schnee). Entscheidend ist also die Trockenheit, nicht die Lufttemperatur. Es gibt auch kalte Wüsten – Orte, die sehr trocken, aber nicht heiß sind.

Zum Beispiel liegt die berühmte Atacama-Wüste in Chile – eine der trockensten Regionen der Erde – auf einem Hochplateau in großer Höhe und in der Nähe einer kalten Meeresströmung. Dadurch ist das Klima dort ungewöhnlich mild für eine Wüste. Im Sommer überschreiten die Tagestemperaturen selten +19…+20 °C, es gibt also keine brütende Hitze wie in der Sahara oder der Arabischen Wüste. Dennoch schlägt die Atacama in Bezug auf die Niederschlagsmenge fast alle Trockenheitsrekorde.

 

Sahara und Atacama – Extreme der Trockenheit

Zum Vergleich: Die Sahara in Nordafrika ist die größte heiße Wüste der Welt. In ihren zentralen Regionen ist Regen ein sehr seltenes Ereignis – stellenweise fallen pro Jahr nicht mehr als 20–30 mm Niederschlag (ein paar Zentimeter!). Im Durchschnitt liegt die jährliche Niederschlagsmenge in der Sahara bei etwa 70–100 mm, also nur wenigen Zentimetern Regen im Jahr. Das ist sehr wenig, weshalb die Sahara so lebensfeindlich erscheint.

Die Atacama-Wüste ist jedoch noch trockener. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge im zentralen Teil der Atacama beträgt etwa 15 mm pro Jahr – also ein Vielfaches weniger als selbst in der Sahara. Und in den trockensten Gebieten der Atacama fallen buchstäblich nur wenige Millimeter Regen im Jahr. Einige Wetterstationen dort haben niemals Regen registriert, seit es Aufzeichnungen gibt!

Geologen vermuten, dass es im Kerngebiet der Atacama über 400 Jahre – vom 16. bis zum 20. Jahrhundert – keinen nennenswerten Regen gegeben haben könnte. Stellt euch das vor: Jahrhunderte ohne Regen! Kein Wunder, dass der Boden dort von Salz und rissigem Lehm bedeckt ist und lebende Organismen extrem selten sind.

Solch minimale Niederschläge machen die Atacama zur trockensten heißen Wüste der Welt und zur zweittrockensten Region des gesamten Planeten. Ihre zentralen Gebiete sind praktisch das Musterbeispiel einer wasserlosen Oberfläche, die an Marslandschaften erinnert.

Das nutzen Wissenschaftler aktiv: In der Atacama werden Marsrover und Geräte zur Lebenssuche getestet, weil die Bedingungen dort dem Mars sehr ähnlich sind. Dichte Nebel (Camanchaca) bringen etwas Feuchtigkeit vom Ozean, was zum Überleben einiger Flechten und Bakterien ausreicht. Doch insgesamt wirken große Teile der Atacama so lebensfeindlich, dass sie als Modell für außerirdische Wüsten dienen.

Valle de la Luna (Mondtal), Atacama-Wüste (Atacama Desert), Chile, Südamerika

Karge Landschaft in der Atacama-Wüste | stock.adobe.com

Gemusterter Boden in der Atacama-Wüste

Gemusterter Boden in Form von Bodenpolygonen im hyperariden Kern der Atacama-Wüste | wikimedia.org

 

Antarktika – der trockenste Kontinent

So erstaunlich es klingt: Den absoluten Trockenheitsrekord hält kein heißes Wüstengebiet, sondern der eisbedeckte Kontinent Antarktika. Obwohl wir uns die Antarktis als von Eis und Schnee bedeckt vorstellen, gilt sie klimatisch betrachtet als eine einzige große Wüste. Die Niederschläge (meist Schnee) betragen im Durchschnitt etwa 50 mm pro Jahr auf den inneren Plateaus und bis zu 200 mm pro Jahr an den Küsten. Umgerechnet auf Wasser entspricht das den trockensten Gebieten der Sahara. Nur fallen die Niederschläge dort nicht als Regen, sondern als Schnee, der sich über Jahre ansammelt. Doch es gibt in der Antarktis Orte, wo es nicht nur keinen Regen gibt – dort fällt überhaupt keine Feuchtigkeit vom Himmel.

Gemeint sind die sogenannten Trockentäler von McMurdo – ein einzigartiges Gebiet am Rand des Kontinents. Diese Täler mit einer Fläche von etwa 4 800 km² liegen zwischen hohen Bergen in der Nähe der Küste. Sie sind fast völlig eis- und schneefrei – kahle Felsen und Boden wie auf dem Mars. Wissenschaftler sind überzeugt, dass in einigen dieser Täler seit etwa zwei Millionen Jahren kein Regen gefallen ist! Ja, Millionen Jahre ohne einen Tropfen. Selbst der Schnee, der gelegentlich vom Wind herübergetragen wird, verdunstet oder wird sofort weggeblasen.

Warum sind die Antarktischen Trockentäler so extrem trocken? Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Erstens sind die Täler von Bergen umgeben, die einen „Schneeschatten“ bilden – eine Barriere für feuchte Luftmassen vom Ozean. Die Wolken können die Gebirgsketten nicht überwinden, und die Niederschläge erreichen die Täler nicht. Zweitens enthält die kalte Luft über der Antarktis von Natur aus wenig Feuchtigkeit – je niedriger die Temperatur, desto weniger Wasserdampf kann die Luft halten. Doch das wichtigste Geheimnis sind die speziellen katabatischen Winde.

 

Katabatische Winde: Naturphänomene der Antarktis

Katabatische Winde (vom griechischen katabatos – „absteigend“) sind Strömungen sehr kalter, schwerer Luft, die unter dem Einfluss der Schwerkraft von den antarktischen Gletschern herabströmen. Man stelle sich vor: Auf einem hohen Eisplateau kühlt die Luft auf extreme Temperaturen ab und wird dadurch dichter. Diese schwere Luft beginnt buchstäblich, die Berghänge hinunter in tiefere Gebiete zu fließen – in die sogenannten Trockentäler. Beim Abstieg beschleunigt sie auf unglaubliche Geschwindigkeiten – bis zu 300–320 km/h. Solche orkanartigen Böen gehören zu den stärksten permanenten Winden auf dem Planeten.

Wenn ein katabatischer Wind in ein Tal einfällt, wirkt er wie ein riesiger Föhn: Ein relativ warmer (nach antarktischen Maßstäben) und sehr trockener Luftstrom verdampft jede Feuchtigkeit sofort auf seinem Weg. Schnee verdunstet direkt von der Oberfläche, bevor er sich überhaupt ansammeln kann. Selbst Eis kann allmählich sublimieren – also direkt vom festen Zustand in Dampf übergehen.

Infolgedessen halten sich in diesen Tälern weder Schnee noch Eis – überall nur nackte Felsen und Staub. Wegen dieser extremen Trockenheit werden die Trockentäler auch „antarktische Oasen“ genannt – ironischerweise: Statt Wasser herrscht dort völlige Dürre, doch es gibt einen „Oasen“-Effekt im Sinne von eisfreiem Land.

Labyrinth, Wright-Tal (Wright Valley), McMurdo-Trockentäler (McMurdo Dry Valleys), Antarktika

Das Labyrinth, Wright-Tal, McMurdo-Trockentäler, Antarktika. Blick nach Osten, talwärts vom Beginn des Labyrinths | wikimedia.org

Bull Pass, McMurdo-Trockentäler, Antarktika

Der Bull-Pass in den Trockentälern im Süden des Viktorialands. Die Trockentäler erstrecken sich hier über 1 500 Quadratmeilen und sind nahezu frei von Schnee und Eis. | wikipedia.org

South Fork, Oberes Wright-Tal (Upper Wright Valley), Antarktika

Landschaft des südlichen Seitenarms des oberen Wright-Tals, das Teil des Komplexes der McMurdo-Trockentäler ist | wikimedia.org

 

Paradoxien des trockensten Ortes

Die Antarktis ist einzigartig, weil sie mehrere Naturweltrekorde gleichzeitig vereint. Sie ist der trockenste Ort der Erde, aber zugleich auch der „feuchteste“ im anderen Sinn: Nirgendwo sonst gibt es so viel Wasser wie in den antarktischen Eisschichten. Etwa 70 % der Süßwasserreserven der Erde sind im antarktischen Eisschild gespeichert. Damit bewahrt der trockenste Kontinent den größten Teil des gesamten Wassers der Erde – allerdings in gefrorener Form. Würde dieses Eis vollständig schmelzen, würde der Meeresspiegel um fast 60 Meter steigen – so viel Wasser halten die antarktischen Wüsten zurück!

Ein weiteres Paradoxon sind die antarktischen Winde. Wie wir bereits erfahren haben, wehen hier die stärksten Winde der Welt. Die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten brechen in manchen Regionen Rekorde: In der Nähe der Station Dumont-d’Urville an der Küste wurden Böen von bis zu 327 km/h gemessen. Die ständig tobenden katabatischen Winde machen die Antarktis somit auch zum winderischsten Ort der Erde. Anders als in heißen Wüsten, wo oft stille, brennend heiße Luft herrscht, heult in der antarktischen Wüste der Wind fast ununterbrochen und wirbelt die trockene Luft durcheinander.

Schließlich findet das Leben selbst unter solchen extremen Bedingungen Wege zum Überleben. Die trockensten Täler der Antarktis wirken völlig leblos – keine Pflanzen, keine Tiere, keine Mikroben im Boden. Lange Zeit galten sie als nahezu steril. Doch Wissenschaftler haben entdeckt, dass es dort dennoch „verborgene Oasen“ gibt: Zum Beispiel leben in manchen Steinen – in Mikrorissen des Gesteins – Kolonien von photosynthetischen Bakterien. Diese Mikroorganismen nutzen winzige Spuren von Feuchtigkeit, die sich im Inneren der Steine kondensiert, und schützen sich so vor dem eisigen Wind.

Diese Überlebensstrategie erinnert an mögliche Lebensformen auf dem Mars. Kein Wunder also, dass die NASA ihre Ausrüstung für Marsmissionen in den Trockentälern und ähnlichen Gebieten testet. Schon in den 1970er Jahren, vor dem Start der „Viking“-Sonden zum Mars, prüften Wissenschaftler deren Instrumente in den antarktischen Tälern – denn sie sind die marsähnlichsten Orte unseres Planeten.

 

Fazit: Ein unerwarteter Trockenheitschampion

Somit ist der trockenste Ort der Erde keine glühend heiße Sandwüste, sondern die kalten, leblosen Täler der Antarktis. Trotz des ewigen Eises ringsum haben diese Täler seit Millionen Jahren keinen Regen gesehen und erhalten kaum Feuchtigkeit. Die Geschichte der Trockentäler erinnert uns daran, wie vielfältig die Erde ist: Unter dem antarktischen Eis verbergen sich „Oasen“ der Trockenheit, die alle Wüsten übertreffen.

Und auch wenn die meisten Menschen diese rauen Orte nie betreten werden, erweitert das Wissen über sie unser Verständnis der Möglichkeiten des Lebens und der extremen Grenzen des Klimas auf unserem Planeten. Diese erstaunliche Kombination – eine Wüste aus Eis, extreme Trockenheit im Reich ewiger Kälte – beweist einmal mehr, dass die Natur voller unglaublicher Überraschungen ist.