Fledermäuse: Mythen, Fakten und ihre Rolle im Leben des Planeten

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Fledermäuse gehören zu den geheimnisvollsten und am meisten missverstandenen Lebewesen unseres Planeten. Diese nachtaktiven, geflügelten Säugetiere bevölkerten den Himmel der Erde bereits vor Dutzenden Millionen Jahren. Laut Paläontologen ähneln heutige Fledertiere in vielerlei Hinsicht ihren urzeitlichen Vorfahren, die bereits vor über 50 Millionen Jahren flogen. Dennoch hat sich über Jahrtausende in der Vorstellung der Menschen ein Bild der Fledermaus als etwas Unheimlichem und Bedrohlichem festgesetzt.

Filme und Horrorliteratur haben erfolgreich das Image der „Kreaturen der Nacht“ etabliert: Man denke nur an den klassischen Dracula, der sich in eine Fledermaus verwandelt, oder an zahllose Vampirfilme, in denen eine flatternde Silhouette aus der Dunkelheit auftaucht. Infolgedessen glauben viele Menschen noch heute, dass diese Tiere Blut trinken, Menschen angreifen und über mystische „vampirische“ Fähigkeiten verfügen.

In Wirklichkeit sind die meisten Vorstellungen über Fledermäuse nichts weiter als Mythen. In diesem Artikel betrachten wir die am weitesten verbreiteten davon.

 

Mythos 1: Fledermäuse sind Ratten mit Flügeln

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass Fledermäuse mit Mäusen oder anderen Nagetieren verwandt sind. Tatsächlich sind ihre nächsten „Verwandten“ – so erstaunlich es klingen mag – die Primaten, zu denen auch der Mensch gehört.

 

Mythos 2: Fledermäuse sind blind

Im Volksglauben hält sich hartnäckig der Mythos, dass Fledermäuse kaum etwas sehen können und „blind“ fliegen. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Diese Tiere sehen gut, besonders die sogenannten „Flughunde“, deren Sehvermögen zehnmal schärfer ist als das des Menschen. Doch ihre eigentliche Superkraft ist die Echoortung. Durch das Aussenden von Ultraschalllauten und das Empfangen der Echos können Fledermäuse selbst in völliger Dunkelheit mit erstaunlicher Präzision „sehen“. Sie nehmen winzigste Objekte wahr, etwa Insekten in der Luft oder Wellenbewegungen im Wasser durch schwimmende Fische.

Dieses Phänomen wurde erstmals im 18. Jahrhundert vom italienischen Wissenschaftler Lazzaro Spallanzani untersucht. Im 20. Jahrhundert bestätigten die amerikanischen Forscher Donald Griffin und Robert Galambos: Viele Fledermausarten orientieren sich nicht durch Sehen, sondern mittels Echoortung – ähnlich wie moderne U-Boote.

 

Mythos 3: Alle Fledermäuse trinken Blut

Von über 1.400 bekannten Fledermausarten ernähren sich nur drei tatsächlich von Blut. Es handelt sich dabei um die sogenannten echten Vampire (Desmoden), die in den Tropen Amerikas leben. Sie sind klein, wiegen etwa 30 Gramm und greifen ihre Opfer nicht aus der Luft an, wie im Film, sondern schleichen sich vom Boden heran. Der Vampir macht einen kleinen Schnitt und leckt das Blut. Sein Speichel enthält ein Schmerzmittel und ein Antikoagulans – damit das Opfer den Biss nicht spürt und das Blut nicht gerinnt.

Doch selbst diese Vampire greifen Menschen nur selten an und lassen sich in Gefangenschaft leicht zähmen. Alle anderen Fledermäuse ernähren sich von Insekten, Früchten, Nektar oder kleinen Tieren – Blut steht bei ihnen nicht auf dem Speiseplan.

Gewöhnlicher Vampir (Desmodus rotundus) sitzt auf einem Baum

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Mythos 4: Fledermäuse verfangen sich in Haaren

Dies ist ein weitverbreiteter Aberglaube, der jedoch nicht der Realität entspricht. Ihre Echoortung ist so präzise, dass sie selbst dünnste Drähte in völliger Dunkelheit erkennen und umfliegen können. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 0,1 mm dick. Für das Sonarsystem der Fledermaus stellt das kaum ein Hindernis dar. Ihr „Radar“ erkennt sogar winzige Insekten wie Mücken. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fledermaus den Kopf eines Menschen übersieht, ist nahezu null – er ist ein großes Objekt, das sie problemlos erkennt und umfliegt.

In Wahrheit entsteht der Eindruck, eine Fledermaus fliege direkt auf das Gesicht oder in die Haare, meist so: Der nächtliche Flieger jagt Insekten, die sich um den Menschen scharen (etwa Mücken oder Fliegen in der Nähe einer Lampe), und kann dabei sehr nah herankommen. Die plötzlichen Bewegungen eines kleinen dunklen Schattens in Kopfnähe erschrecken uns – so entsteht der Mythos, dass sie „fast ins Haar geflogen wäre“. In Wirklichkeit jagt das Tier lediglich Beute und weicht im letzten Moment geschickt aus.

 

Warum hängen Fledermäuse kopfüber?

Eine der auffälligsten Eigenheiten von Fledermäusen ist ihre Ruhehaltung: kopfüber hängend. Fast alle Fledertiere schlafen und ruhen, indem sie sich mit den Hinterbeinen nach unten hängend festhalten, oft in Trauben unter Höhlendecken oder Dächern. Das wirkt auf uns ungewohnt und wirft Fragen auf. Tatsächlich ist es aber keine Kuriosität, sondern eine evolutionäre Notwendigkeit.

Zum einen müssen Fledermäuse zum Abflug in der Höhe hängen. Anders als Vögel, die mit einem Flügelschlag vom Boden abheben können, ist der Körperbau der Fledermäuse nicht darauf ausgelegt, von einer flachen Oberfläche aus zu starten. Ihre Flügel – feine Flughäute – liefern nicht sofort den nötigen Auftrieb, und ihre Hinterbeine sind zu schwach zum Stehen oder Gehen. Das Hängen mit dem Kopf nach unten ermöglicht also einen sofortigen Start: Einfach die Beine loslassen, fallen und gleich weitergleiten.

Zum anderen erlaubt ihnen diese Haltung, sich in geschützten Verstecken aufzuhalten, die für die meisten Raubtiere unzugänglich sind. Kaum ein Tier kann bis zur Höhlendecke oder auf einen dünnen Ast an der Baumkrone klettern. Hoch oben unter dem Gewölbe hängende Fledermäuse sind vor den meisten Feinden sicher.

Schließlich ist die Anatomie der Fledermäuse hervorragend an das Hängen angepasst. Wenn ein Mensch oder ein anderes Tier versucht, kopfüber zu hängen, werden die Muskeln sehr schnell taub – lange hält man das nicht aus. Eine Fledermaus hingegen kann völlig entspannt schlafen, während sie sich mit ihren Krallen an einem Vorsprung festhält. Das Geheimnis liegt in der besonderen Struktur ihrer Beine und Sehnen: Wenn die Fledermaus ihre Flügel zusammenlegt und sich entspannt, schließen sich die Krallen der Hinterbeine automatisch und klammern sich fest an die Oberfläche. Sie muss keine Kraft aufwenden, um zu hängen – Bänder und Sehnen fixieren die Position. Das ist so etwas wie ein „natürlicher Karabiner“: eingehakt – und man hängt. So effektiv, dass selbst nach dem Tod der Körper der Fledermaus noch eine Zeit lang hängen bleibt, bis ihn der Wind oder ein Artgenosse abschüttelt.

Fledermaus hängt kopfüber

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Welchen Nutzen bringen Fledermäuse?

Auf den ersten Blick erscheinen diese Wesen dem Menschen nutzlos oder sogar unangenehm. Doch Wissenschaftler und Umweltschützer sagen das Gegenteil: Die Rolle der Fledermäuse in der Natur und für den Menschen ist enorm. Hier einige Beispiele.

  • Schädlingsbekämpfung. Den größten Nutzen bringen Fledermäuse der Landwirtschaft und den Ökosystemen, indem sie riesige Mengen an Insektenschädlingen vernichten. Insektenfressende Arten (und das sind die meisten) verzehren jede Nacht Hunderte bis Tausende von Insekten pro Tier.
  • Bestäubung von Pflanzen. Hunderte tropischer Fledermausarten ernähren sich von Blütennektar, Pollen und Früchten. Diese geflügelten „Gärtner“ spielen eine entscheidende Rolle bei der Bestäubung von Pflanzen und der Verbreitung von Samen. Laut Biologen werden weltweit über 500 Pflanzenarten ausschließlich von Fledermäusen bestäubt. Darunter befinden sich auch für den Menschen wichtige Nutzpflanzen: zum Beispiel verschiedene Arten von Bananen, Mangos, Guaven, Feigen, Cashew, Avocados sowie die berühmte Agave – die Pflanze, aus der Tequila hergestellt wird.
  • Verbreitung von Samen. Fruchtfressende Fledertiere transportieren Pflanzensamen über weite Strecken und helfen so, Ökosysteme zu regenerieren und sich auszubreiten – besonders wichtig in tropischen Regenwäldern, wo der Beitrag der Fledermäuse zur Waldverjüngung sehr hoch ist.
  • Beitrag zur Wissenschaft und Medizin. Fledermäuse stehen im Fokus der Forschung – und das aus gutem Grund. Biologen untersuchen ihr einzigartiges Immunsystem, um zu verstehen, wie diese Tiere Viren tragen können, ohne selbst ernsthaft zu erkranken (es ist bekannt, dass Fledermäuse natürliche Träger bestimmter Viren wie Coronaviren oder Tollwut sind, aber selbst nur selten daran leiden). Ihre Fähigkeit zur Echoortung inspirierte Ingenieure zur Entwicklung moderner Sonar- und Navigationssysteme – Technologien, die auf Ultraschall basieren, wurden maßgeblich durch Erkenntnisse der Fledermausforschung vorangetrieben. Wie bereits erwähnt, wird der Wirkstoff „Draculin“ aus dem Speichel von Vampiren derzeit auf sein Potenzial zur Behandlung von Thrombosen getestet.

 

Interessante Fakten über Fledermäuse

  1. In einer Höhle im Norden Mexikos leben gleichzeitig 2 Millionen Fledermausjunge. Trotz der riesigen Menge findet jede Mutter ihr Junges anhand von Geruch und Lauten.
  2. In Texas (USA) lebt in der Bracken-Höhle eine Kolonie mexikanischer Fledermäuse mit bis zu 20 Millionen Individuen. Wissenschaftler schätzen, dass diese Kolonie täglich rund 250 Tonnen Insekten frisst. Im Sommer vernichten die Fledermäuse allein im Bundesstaat Texas zehntausende Tonnen Insekten, darunter zahlreiche Agrarschädlinge. Dadurch sparen Landwirte Milliarden Dollar an Pestiziden und sichern ihre Ernte.
  3. Auf der Karibikinsel Curaçao wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts fast alle Fledermäuse ausgerottet. Danach stellten Botaniker einen drastischen Rückgang der Fruchtbildung einiger Kakteenarten fest: Eine Art trug 90% weniger Früchte, eine andere hörte ganz auf zu fruchten. Es stellte sich heraus, dass diese Kakteen ausschließlich von Fledermäusen bestäubt wurden. Ihr Fehlen wirkte sich nicht nur auf die Pflanzen aus, sondern auf das gesamte Ökosystem der Insel – denn in der Trockenzeit ernähren sich Vögel und bodenlebende Tiere von den Kaktusfrüchten. Dieser Fall zeigte eindrücklich, wie eng Fledermäuse mit der Gesundheit von Ökosystemen verbunden sind. Heute ergreift man auf Curaçao Maßnahmen zum Schutz und zur Rückkehr der Fledermäuse, da ihre Bedeutung erkannt wurde.
  4. Einige Fledermausarten unternehmen unglaublich weite Flüge. So kann die süd­australische Faltenflügel-Fledermaus pro Nacht bis zu 150 Kilometer auf der Suche nach Nahrung zurücklegen – trotz ihrer geringen Größe von etwa einer Streichholzschachtel.
  5. Die brasilianische Bulldoggfledermaus (Tadarida brasiliensis) gilt als das schnellste Säugetier im Horizontalflug und erreicht Geschwindigkeiten von über 160 km/h.
  6. Fledermäuse haben einen sehr schnellen Stoffwechsel. So kann der langzüngige Vampir (Glossophaga soricina), der zu den Spitzmausartigen zählt, Früchte und Nektar innerhalb von 20 Minuten verdauen – das ermöglicht ihm einen konstant hohen Energielevel für den aktiven Flug.
  7. Fledermäuse leben in fast allen Regionen der Erde – mit Ausnahme einiger abgelegener Inseln und der Polarregionen. Es gibt über 1.400 Fledermausarten, was sie zur zweitgrößten Ordnung der Säugetiere nach den Nagetieren macht.

 

Fledermäuse sind keine Monster aus Schauermärchen, sondern wertvolle und komplexe Lebewesen, ohne die die Ökosysteme des Planeten aus dem Gleichgewicht geraten könnten. Sie stellen keine Gefahr für den Menschen dar – im Gegenteil, sie sind von großem Nutzen.